Dieses Jahr haben wir es mit einem wahren Boom des Genres zu tun, und schon die Zuschauer beim Ophüls Festival 2006 wurden von einigen Perlen dokumentarischer Realitätsfindung überrascht. Drei der fünf Wettbewerbfilme finden gerade ihren Weg auf die Kinoleinwand:
Beetween the Lines – Buntes Transgender
Am 31. August startete “Between the Lines”, der nicht anders zu beschreiben ist als absolut faszinierend. Er entführt in eine fremde Sphäre des Seins, die schillernd und einzigartig ist auf dieser Welt. Die Deutsch-Französische Schülerjury beim Ophüls Festival kürte den Film überraschend zu ihrem Favoriten. “Between the Lines” erzählt von den Hijras, den “Dritten Geschlecht Indiens’ wie sie der Film beschreibt. Hijras können segnen oder verwünschen, sie lassen sich bezahlen für ihre privaten Dienste und sind fester Bestandteil der indischen Gesellschaft, deren allgegenwärtige Spiritualität die europäische bei weitem übersteigt. Regisseur Thomas Wartmann berichtet von einem irritierenden Eindruck beim Betreten der Welt der Hijras: “… Die ersten Recherchen in Dehli, Bombay, Bangalore brachten keine wirkliche Nähe. Sie (die Hijras) feierten ihre Kastration als Neugeburt, die Entscheidung weder Mann noch Frau zu sein, als große Freiheit. (…) Dann begegnete ich Anita, einer Fotografin, einer Inderin — und vor allem einer Frau. Mit ihr hatte ich einen Zugang gefunden. …”.
>>“Between the Lines”, “Mañana al Mar” und “Gambit” im Netz.

Mañana al Mar – Anti-Aging
Neuestes Spezialprodukt zur Gesellschaftsdiskussion mit garantiertem Lach- und somit Schönmach-Effekt ist “Mañana al Mar”. Der Sieger des Ophüls-Dokumentarfilmwettbewerbs 2006 startet am 28. September. Da jeder von uns das Altwerden vor sich hat und den meisten von uns die Hoffnung bleibt, das ohne seelischen Schaden zu überstehen, kann man sich körperlich nie früh genug darauf vorbereiten. Also schaut “Mañana al Mar”, die zeigen wie’s geht, nämlich mit viel viel Humor. Ines Thomsen, die Regisseurin, lebte einige Zeit in Barcelona und lernte diese Clique alter Menschen kennen, die sich jeden Tag am Strand treffen, schwimmen, singen, laufen gehen oder Burgen bauen und so bemerkenswert “würdevoll’ altern. Thomsen, die mittlerweile auch für ihre Kameraarbeit ausgezeichnet wurde, beschreibt ihren ersten Eindruck: “… Ich lief am Strand entlang und hörte eine Frau Boleros trällern, die fröhlich ihre Pirouetten im Wasser drehte. Am Ufer stand ihre Krücke und wartete auf sie. …” (siehe auch Interview mit Produzentin Anke Jungfleisch).
>>“Between the Lines”, “Mañana al Mar” und “Gambit” im Netz.

Gambit – Skandalöse Enthüllungsgeschichte
Ein Stoff wie für einen Polit-Thriller und ein Bauernopfer, Jörg Sambeth, der Jahre später vor der Dokumentarfilmkamera Rede und Antwort steht. “Gambit” von der Schweizerin Sabine Gisiger startet am 21. September in Deutschland. Der die Firmenhierarchien der Siebziger detailreich rekonstruierende Film bringt genau 30 Jahre später Aufklärung in den Skandal über die hochgiftige Dioxinwolke, die im italienischen Seveso akute Hautverätzungen bei vielen Menschen, Tier- und Umweltsterben brachte. Nur der Chemiker und technische Direktor des verantwortlichen Großkonzerns Hoffmann-La Roche mußte für fünf Jahre ins Gefängnis, das Weltunternehmen vertuscht bis heute die Details. Als bewegend schilderte die Regisseurin in Saarbrücken den Augenblick, als der zu Unrecht zur Verantwortung gezogene Sambeth in Seveso gemeinsam mit den Menschen die Premiere von “Gambit” feierte. Fast 30 Jahre danach bat Sambeth um Vergebung – bei der Film-Premiere in Seveso.
>>“Between the Lines”, “Mañana al Mar” und “Gambit” im Netz.


>>“Between the Lines”, “Mañana al Mar” und “Gambit” im Netz. Weitere sehenswerte Dokumentarfilme, demnächst auf DVD erhältlich: “We feet the World” und “What the Bleep do we know”