Es beschleicht mich, als jemand der Ende der 60er geboren wurde, ein merkwürdiges Gefühl der Vertrautheit beim betrachten des Films. Irgendwie kennt man das alles noch. Die Fahndungsplakate der 2. und 3. Generation der RAF, die überall in Banken, der Post sogar bei unserem kleinen Bäcker um die Ecke hingen. Wie bei Adventskalendern wurden immer mehr Gesichter durchgestrichen… zehn kleine Negerlein.
Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, der in den Nachrichten irgendwie mitbekommt, dass gerade so etwas wie Geschichte passiert. Der sich plötzlich wieder an die Odyssee der Landshut erinnern kann und den ersten großen Auftritt der GSG9(, sogar an den Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm. Da war ich sechs!) Eine kollektive Aufgeregtheit war allgegenwärtig, aber irgendwie war es auch normal, dass es Terroristen in Deutschland gab, man ist damit aufgewachsen, wie nächste Generationen mit einem Bundeskanzler Kohl. Es war irgendwie normal, dass regelmäßig Bankiers erschossen, Bombenanschläge verübt, Arbeitgeberpräsidenten entführt wurden. Polizisten oder Zollbeamte mit MPs waren normal! Das Bild Hans Martin Schleyers hat sich kollektiv ins Bewusstsein meiner Generation eingebrannt, obwohl wir damals nicht wirklich wussten, was in unserem Land los war.
Und sieht man die Bilder des Films, der fulminant mit der Schah-Demonstration 1967 beginnt, sieht wie die Polizei daneben steht während bezahlte Pro-Schah-Demonstranten auf Passanten eindreschen, wie die Polizei Studenten und Demonstranten schließlich auf Pferden vor sich herknüppeln, denkt man leise bei sich: So lange ist das noch gar nicht her.
Der Baader-Meinhof-Komplex hält, was er in den ersten Minuten verspricht. Er ist keine verklärende RAF-Schmonzette wie “Baader” (2002) aber auch keine Verurteilung der RAF, er ist ein einfühlsam brutales und offenes Zeitdokument, das keine Partei ergreift, das aufzeichnet, wie so etwas entstehen kann… so ein Terrornetzwerk, das irgendwann nicht mehr kontrollierbar ist, weder durch den Staat als noch durch seine vermeintlichen Gründer. Der Film zeichnet dazu ein Psychogramm des inneren Kerns der ersten Generation der RAF… Das Faust-Zitat von den Geistern, die ich rief, kann glaubhaft und glaubwürdig auf alle Seiten angewandt werden. Der Film lässt still werden, schockt durch die Logik, die Selbstverständlichkeit und die Brutalität der Ereignisse, diesseits und jenseits des Gesetzes. Man hat es mit Menschen zu tun, auf allen Seiten!
Das alles ist jedoch auch und vor allem möglich, weil der Film ohne Pathos und ohne pathetische Schauspieler auskommt. Man kauft Bleibtreu und Co ihre Figuren nicht nur ab, sie sind es, alle, jeder einzelne! Auch der besonnene Herlod Bruno Ganz, dem Drehbuchautor Bernd Eichinger und/oder Buchautor Stefan Aust Visionäres in den Mund legt!!!
Und so ist der Baader-Meinhof-Komplex keine Guido-Knoppsche-Doku, sondern ein zeitlos aktueller Film darüber, wie Terror entsteht, darüber, dass Gewalt unkontrollierbar und deshalb kontraproduktiv ist, darüber, dass die Globalisierung und Terrornetzwerke keine Erfindung der 90er sind, und dass ein Staat äußerst behutsam und vorsichtig mit seinen Bürgern umgehen muss!!! Und vor allem auch darüber, dass das alles hier in Deutschland vor noch gar nicht all zu langer Zeit Realität war… viele haben das offensichtlich schon wieder vergessen!
Der Baader-Meinhof-Komplex wird zu einem öffentlichen Diskurs führen… hoffentlich über die Gegenwart und damit über die Zukunft… und nicht die Vergangenheit!
Der Baader-Meinhof-Komplex ist kein Unterhaltungsfilm, er macht keinen Spaß (wenn man lacht, dann bitter) und er ist doch absolut sehenswert. Eine Reise in die (eigene Vergangenheit), die einen gewaschen, geschnitten, geföhnt und durchgemangelt wieder in Gegenwart ausspuckt!!!