Das Interview mit Christian Alvart (Regie & Buch) und Wotan Wilke Möhring (s.u.) entstand im Juli 2005.
Wer die Wucht deutscher Krimis wie “Das Experiment” oder “Tattoo” liebt, dem bietet das junge Regietalent Christian Alvart ab 7. Juli 2005 mit “Antikörper” die gegensätzlichen Psychopathologieen eines Serienmörders und eines strenggläubigen Katholiken. Die Rolle des sich verzehrenden Landpolizisten spielt Wotan Wilke Möhring sehr glaubhaft, die fiesen Machtspielchen des Mörders mimt André Hennicke und Heinz Hoenig spielt einen rauen Großstadt-Kommissar, der wie auf seinen Leib geschneidert ist.
?Welche Filme schaust du dir am liebsten an? Hast du ein Lieblingsgenre?
Christian Alavart: Ich schau mir alle Filme gerne an. Das Genre, ob Komödie oder Krimi, ist mir dabei egal.
?Ich habe gelesen, dass die Faszination bei Filmen für dich die Spannung ist?
Christian: Das wichtige dabei ist für mich die Bedrohung, die eine Figur dadurch erfährt. Letzte Woche habe ich die zweite Staffel der “Sopranos” gesehen und es genossen, weil die Hauptfigur sich ständig in Bedrohung befindet. Ich finde die Spannung auch ganz wichtig für andere Sachen. Auch bei einer Liebesgeschichte ist es spannend wie die beiden sich finden oder ob oder wie sie bedroht werden von aussen.
? Was geht dann emotional bei dir ab?
Christian: Ich kann mich zwei Stunden vollkommen hingeben. Ich weiss nicht, wann ich im richtigen Leben zum letzten Mal geweint habe, aber wenn ein Film gut gemacht ist, dann kommt das schon mal vor. Im Leben, glaube ich, sind die Schutzfunktionen da zu stark, aber im Kino kann ich mich voll hingeben.
? Wie entstand “Antikörper”?
Christian: Ich habe einen Pool von Ideen in Notizform. Die warten in der Schublade auf ihre Gelegenheit wie in Falle von “Antikörper”, wo ich vor Schönfelder (der Produzent, die Red.) gepitcht habe. Ich bekam einen Buchvertrag, das war vor drei Jahren.
? Wie kamst du zum Thema?
Christian: Das waren für mich alles starke interessante Themen und dazu extrem gegensätzliche.
? Wie kamst du zu deinen Schauspielern?
Christian: Alle haben wegen des Buches zugesagt. Wir hatten wenig Geld, alle bekamen das gleiche. Ich habe meine Traumbesetzung gefunden, Heinz Hoenig war zum Beispiel direkt dabei. Dagegen war die Rosa (Frau des Dorfpolizisten) sehr schwierig. Ich bin froh, dass wir Ulrike Krumbiegel gefunden haben. Es gibt von “Antikörper” eine eine halbe Stunde längere Fassung für die DVD. Darin spielt sie eine wichtigere Rolle.
? Wie stehtst du persönlich zu Gut und Böse?
Christian: Ich denke sehr oft, dass sich in kurzen Abschnitten alles zum schlechten kehrt, habe aber die Hoffnung, dass die Menschheit es lernt.
? Du hast viel gelesen über Serienkiller und ihre Persönlichkeitstruktur. Was ist so faszinierend an ihnen?
Christian: Warum sind sie so geworden? Gibt es das Böse? Sind sie Opfer ihrer Gene? Serienkiller sind in der Popcultur sehr beliebt. Die Jugend will schockieren, er steht für die ultimative, radikale Freiheit. Di e Freiheit auf Kosten anderer ist Teil unserer Populärkultur.
? Sag den POTAO-Leser spntan, warum sie “Antikörper” sehen müssen!
Christian: Erstens, damit sich das deutsche Kino mehr traut, allein deshalb muss jeder schon reingehen. Und zweitens, weil ich glaube, dass er extrem gut ist und sie nicht enttäuscht werden.
Wotan Wilke Möring zählt noch zu den unverbrauchten Gesichtern im Flimmeruniversum. Höchste Zeit für ihn selbst, cool und bescheiden wie er ist, sich vorzustellen.
? Wenn du selbst deinen Werdehang beschreiben solltest, dann würdest du das wie tun …?
Wotan: Schule, dann Schule unterbrochen, dann Punkbands, dann bin ich in die USA gegangen für einerthalb Jahre, wollte da eigentlich bleiben. Dann bin ich nach Berlin. Dort zur HDK und habe dort studiert. Dann habe ich in Berlin einen illegalen Club gehabt und mit letzter Kraft mein Studium gemacht. Eine Schreinerlehre habe ich noch gemacht zwischendurch. Und lange Musik gemacht.
? Ist die Schauspielerei dein Traumberuf?
Wotan: Sie erfüllt für mich momentan alles, was man sich wünschen kann. Sie ist okay im Sinne von nicht verbiegen/ buckeln, ist gut bezahlt und ich kann an etwas künstlerischen arbeiten. Was toll ist, man kann an einem Produkt arbeiten. Man kann sehen, was man gemacht hat, was für viele nicht der Fall ist. Das ist eben nicht in eine Fabrik gehen. Traumberuf heißt ja, dass man davon geträumt hat und das war bei mir nicht.
? Verräst du uns deine Favoriten, unter den Filmen deiner bisherigen Schauspielkarriere?
Wotan: Das hat jetzt nichts mit der Öffentlichkeit zu tun, was ich jetzt sage: wichtig für mich waren “Das Experiment (2001)” und der Fernsehfilm (2000) “Hat er Arbeit?”. “Anatomie”, weil es ein richtig großes Set war, und fürs TV “Die Hoffnung stirbt zuletzt”, weil ich
? Wie kam es zu “Antikörper”?
Wotan: Der Christian gab mir das Drehbuch so einerthalb Jahre vor dem Film, wir kannten uns aus Berlin. Und dann las ich in einem Rutsch, weil das so super spannend war. Was auf jeden Fall nicht gilt für alle Drehbücher, dass du es nicht weglegen kannst. Du wolltest immer wissen, wie geht es weiter. Es ist vielleicht sogar das einzige Buch, an dem ich nichts ändern wollte. Sonst gibt es mehrere Versionen, da schleichen sich logische Fehler ein, man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und dies hier, das war einfach super. Da war alles durchdacht und du konntest immer Fragen stellen und hast eine klare Antwort bekommen. Das ist doch egal, diese Einstellung gab es in keiner Phase des Projekts.
? Große Zukunft für Christian Alvart, was denkst Du?
Wotan: Die Zukunft ist ja leider abhängig von der der äußeren Welt, die das beurteilen muss. Eine große Zukunft weiss ich nicht, aber ein großes Talent. Vielleicht ja auch in den USA, das passt zum Film. Die arbeiten mit einer ähnlichen Art von Akrebie und dass man nicht klein beigibt, das haben die uns voraus.
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Oft ist es so, dass der Hauptdarsteller relativ moderat sein muss. Hier trifft es sich, dass der Hauptkonflikt des Films innerhalb dieser Figur spielt. Es ist der innere Kampf, er muss nur die Fassade behalten. Er muss vornehmlich an sich als guter Mensch entdecken, dass auch er nicht gegen den Kem des Bösen gefeit ist. Dass man, wenn man alles versucht richtig zu machen auch ein Härte mit ins Spiel bringt, wie bei seinem Jungen, die unmenschlich ist. Jemand wie er ist verbohrt in as Gute. Das hat mich sehr gereizt, denn ich bin eben nicht mit der Kirche groß geworden.
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Wotan: was ist Gut, was ist böse? Ist eigentlich eine alltägliche Frage, der man sich nicht entziehen kann bzw. entziehen sollte. Diese ständige Entscheidung hat was mit Verantwortung zu tun, die heutzutage eben auch versucht wird zu umgehen. Die Kirche hat in den vergangenen Jahrhunderten, und das werfe ich ihr eben vor, gesagt, ich nehme euch diese Entscheidung ab. Es sind eben alle dieser Verantwortung beraubt worden. Und so ist es mit ihm, dass er eben in der Beiche merkt, das iss es nicht. Es ist das interessante zu sehen, wie jemand der an etwas so sehr glaubt, zu zweifeln beginnt.
? Du hast eine Rolle wie Jodie Foster in “Schweigen der Lämmer”. Wie fühlt man sich, wenn man stetig eine drauf bekommt?
Wotan: Es kommt ja auf die Perspektive an, die man einnimmt. Er hat eben dieses Loch, und weil er es hat, beginnt es dadurch zu pusten. Weil er einmal nicht aufgepasst hat, einmal … ! Dieser Mensch muß lernen, dass Versagen menschlich ist.
? Warum muss man sich “Antikörper” anschauen?
Der Kampf zwischen Gut und Böse wird hier unmittelbar geführt und diese Frage nimmt der Zuschauer mit. Und obwohl es ein Genrefilm ist, ist er außergewöhnlich, weil er nicht das bringt, was man erwarten würde. Ich finde den Film mutig von A bis Z. Dieser Film will kein Publikum bedienen, er fordert.
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