MELANCHOLIA
by c-laudia on Oct.16, 2011, under 5 Minuten nach dem Film
Zuerst mal das Positive vorneweg: Die ersten 5 – 10 Minuten des Films “Melancholia” bestechen durch absolute optische “Prallheit”: Traumhaft-magische Sequenzen, die mit einer Slow-Motion Kamera gefilmt und offensichtlich digital nachbearbeitet wurden. Hier stapft Charlotte Gainsbourg in Gummistiefeln knöcheltief durch einen Golfplatz, Kirsten Dunst wird in ihrem Hochzeitskleid von Fesseln “verschlungen” und ein Araber-Hengst fällt in Zeitlupe zu Boden. Zum Schluss sieht man den Planet Melancholia, wie er die Erde trifft und mit ihr verschmilzt.
Anschließend sehen wir “Teil 1 – Justine”, in dem es um Justine’s Hochzeit geht. Der Bezug dieses Teils des Films zum restlichen Werk hat sich mir bis jetzt nicht wirklich erschlossen. Ich habe lediglich gemerkt, dass von Trier es meisterhaft versteht, Figuren zu zeichen, die allesamt verabscheuungswürdig sind – allen voran Justine selbst, gespielt von Kirsten Dunst. Wir sehen die gesamte Familie von Justine: Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), Vater Dexter (John Hurt), Mutter Gaby (Charlotte Rampling), Justines frisch gebackenen Ehemann Michael (Alexander Skarsgård), ihren Chef Jack (Stellan Skarsgård) sowie dessen Lakai Tim (Brady Corbet). Keine der Figuren ist so sympathisch, dass man Empathie für sie empfindet, dass man sich emotional an sie “dranhängen” möchte (am allerwenigsten Justine selbst, die man von Anfang an eigentlich nur hassen kann). Das war schon bei Dogville so und ich fand es furchtbar. Ich bin ein einfach gestrickter Zuschauer: Wenn ich mir einen Film ansehe, erwarte ich eine Geschichte in der es mindestens eine Person gibt, mit der ich mich auf irgendeine Weise identifizieren kann, aus deren Sicht ich das Geschehen beurteilen kann (normalerweise ist das der “Held”). Dies passiert hier nicht. Von Trier lässt einen sprichwörtlich “allein”, da keine der Figuren es schafft, genug Liebenswürdigkeit aufzubauen, dass man mit ihr fühlt.
Auf die Hochzeitsszene, die damit endet, dass Justine den Lakai Tom auf dem Golfplatz fickt, ihre Stelle als Art Director kündigt, ihren Chef beschimpft und schließlich ihren frisch gebackenen Ehemann Michael in die Flucht jagt, folgt der zweite Teil des Films, in dem es um Justines Schwester Claire geht. Claire ist im Grunde eine Heldin, an die man sich emotional “dranhängen” kann: sie ist liebenswürdig, sie hat Schwächen, wir mögen sie. Aber Justine wurde bereits als so starke Figur eingeführt, dass Claire gegen sie komplett verblasst. Am Anfang des zweiten Teils sehen wir dann auch eine andere Justine, die als komplettes psychisches Wrack auf dem Gut ihres Schwagers John (Kiefer Sutherland) und ihrer Schwester eintrifft. Justine ist dermaßen neben der Spur, dass sie kaum in der Lage ist zu sprechen, zu essen, zu laufen – geschweige denn an einer normalen sozialen Situation teilzunehmen. Hier hat man schon wieder fast Mitleid mit ihr, egal, wie sehr man sie vorher gehasst haben mag. Ihre Schwester Claire fürchtet sich schrecklich vor dem Planeten Melancholia, der sich in einer rapiden Geschwindigkeit der Erde nähert, laut wissenschaftlichen Berechnungen aber an dieser vorbei fliegen soll. Claire’s Mann John übt einen beruhigenden Einfluss auf sie aus, schafft es aber nicht, alle Zweifel in ihr zu beseitigen. Justine scheint so etwas wie übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen und “weiß einfach”, dass der Planet die Erde treffen und auslöschen wird.
Und so sollte es auch kommen: Am Ende ist alles futsch.
Was für ein positives Ende! Mehrmals innerhalb des Films (vor allem im ersten Teil) habe ich überlegt, ob ich das Kino verlasse. Im zweiten Teil sind zwar die Figuren nicht mehr so furchtbar, aber “Kinospaß” sieht für mich eben anders aus. Im Gegensatz zu Dogville (der letzte von Trier Film, den ich gesehen habe), muss ich jedoch die Bildwelt bzw. die Optik von “Melancholia” loben. Die Kameraführung (Methode: wackelige Handkamera) finde ich allerdings mindestens so furchtbar wie den Film insgesamt. Dieses Stilmittel trägt für mich zu einem großen Teil mit zu dem Unwohlsein bei, das der Film gerade in der ersten Hälfte erzeugt. Ferner fällt auf, dass von Trier hier eigentlich gar keine Geschichte erzählt. Es geht im Grunde die ganze Zeit nur um die Figuren und deren Beziehung zueinander. Die Tatsache, dass ein Planet die Erde zerstören könnte, rückt in den Hintergrund. Da ich gerne eine gute Geschichte sehe mit einem Helden, mit dem ich mitfühlen kann, ließ dieser Film mich mit einem Gefühl von Frustration und ein bißchen Wut zurück. Nun ja, ich bin halt ein einfach gestrickter Zuschauer.
Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland, ca. 136 min.
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
mit: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Charlotte Rampling u.a.
Deutscher Kinostart: 06.10.2011






October 16th, 2011 on 14:18
es ist noch nicht mal interessant, dass einfach gestrickte zuschauer über filme schreiben. mein rat: schweigen ist in diesem falle nicht nur gold, sondern such die einzige konsequenz.
October 16th, 2011 on 15:55
In dem Fall würde ich von Dir gerne wissen, warum Dir der Film gefallen hat (was ja offenbar der Fall ist)!
October 19th, 2011 on 14:14
Du hast da irgendwie was verwechselt, oder nicht richtig aufgepasst: Justines Vater wird gespielt von John Hurt und Kiefer Sutherland spielt ihren Schwager John, nicht andersrum.
Ansonsten bin ich nicht der Meinung, dass ein Kinofilm immer nur dazu da ist, einen mit liebenswürdigen Figuren angenehm zu unterhalten, was Melancholia tatsächlich nicht tut.
Ich bin aus dem Kino rausgegangen und wusste nicht recht, was ich von dem Film halten soll. Identifizieren konnte auch ich mich nicht mit den Figuren, das Geschehen kam nicht wirklich an mich heran. (Wenn man aber mal in Betracht zieht, dass es hier um Depressionen geht, ist das schon gut gemacht, denn genau das passiert in einer Depression: Es kommt nichts mehr so wirklich an Dich ran.) Aber die Bilder und die Art und Weise wie die Geschichte dargeboten wird, entfalteten eine langsame, subtile Nachwirkung in mir. Ich werde mir den Film vermutlich noch mal ansehen. Das war schon ein ganz eigener Genuss.
Und ich fand auch die Kompromisslosigkeit bemerkenswert, die Weltuntergangsfilme ja oft nicht haben: Da geht zwar die Welt unter, wie wir sie kennen, aber irgendwas bleibt doch immer übrig, irgendwer überlebt doch, irgendwie geht es doch immer weiter, die Erde ist noch da, nur eben ramponiert. Hier ist sie einfach komplett weg, zerstört, und es gibt kein danach. Nichts. Das ist doch eigentlich der wahre Weltuntergang, halt radikal, aber richtig dargestellt. Danach ist nichts mehr. Punkt. Das irritiert, aber das bringt auch zum Nachdenken. Und das sollten Filme eben auch manchmal tun.
October 21st, 2011 on 13:29
Mir hat der Film überhaupt nicht gefallen, ich hatte so ein komisches Gefühl nach dem Film :s
Wenn ich ihn mir aber vielleicht nochmals angucken würde, würde der Film mir möglicherweise mehr gefallen?!
October 21st, 2011 on 13:43
Hi!
Wieso kommt die Mail, die ich an info@cinemazine.de schicke, zurück?
BG,
Sabine
October 30th, 2011 on 12:39
Hallo Deborah, danke für den Hinweis (-> Kiefer Sutherland), werde ich gleich ändern! In dem Punkt mit der Kompromisslosigkeit stimme ich Dir zu – ich finde es gut, dieses Szenario tatsächlich mal zu Ende zu denken (und das auch filmisch umzusetzen), aber es entlässt einen natürlich nicht mit guter Laune aus dem Kino.
@Sabine: Bei mir funktioniert die Adresse, aber ich hake nochmal nach.