ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND
by su on Jun.23, 2011, under 5 Minuten nach dem Film
ALMANYA hält sich jetzt seit 10. März 2011 ganz beachtlich in den Top 10 der deutschen Programmkino-Charts und wurde vor zwei Wochen nun endlich auch von mir in Augenschein genommen. Der Film ist nicht so komisch, wie man eventuell erwarten konnte (also ich), aber er ist ein ausgezeichneter Familienfilm, der Respekt vor den Leistungen der türkischen Gastarbeiter hervorruft, ein Stück deutscher Geschichte aus Migrantenperspektive. Das zählt und ist super. Erzählt wird das fiktive Abenteuer des 1 Million und 1sten Türken, der sich zum Geld verdienen nach Deutschland aufmacht, später seine Familie nachholt, drei seiner vier Kinder erleben den Kulturschock mit, der jüngste ist hier geboren. Schön schachtelig erzählt, mit einem Mix aus Humor und ehrlichem Schmerz, wie es typisch ist für türkisch-deutsche Filmemacher von den weniger bekannten angefangen wie Buket Alakus (Filmemacherin und Drehbuchautorin, u.a. Tatort) bis zu den international renommierten wie Fatih Akin (vgl. auch sein früher Film SOLINO (1998) über die italienischen Gastarbeiter im Ruhrpott). Ohne Einwandererkinder wäre die deutsch-türkische oder türkisch-deutsche Filmszene fleischloser, denn sie tragen beides in sich Dichter- und Denkertum und südländisches Drama.
Es gibt brillante Schachzüge in ALMANYA nach dem Drehbuch der Schwestern Nesrin und Yasemin Samdereli: Verwendet wird zum Beispiel eine deutsche (respektive türkische) Sprache, die wie deutsch (respektive türkisch) klingt, aber unverständlich bleibt – mit dem Highlight “Stille Nacht” so gesungen, dass man kein Wort versteht. Nachzulesen in einem Interview mit Yasemin Samdereli weist sie darauf hin, dass sie dasselbe macht, wie der von ihr bewunderte Charlie Chaplin in DER GROSSE DIKTATOR, als er Hitler oder Hinkel mit einer zackigen Phantasiesprache markiert mit genau diesem grandiosen Effekt. Das muss man hinkriegen!
Wieviel Kultur- und Lokalkolorid ein Film verträgt, damit haben die auf dem Plakat beschworenen Produzenten Erfahrung. Die Angst vorm Kreuz und die folgenden Alpträume fallen mir spontan ein, wenn auf dem Plakat mit “von den Machern von WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT” geworben wird, ebenfalls ein locker-flockiger deutscher Film, der sich 2006 beachtlich lang in den Kinos hielt. Aber Achtung: der ist schwerer zu verstehen als ALMANYA, einem tiefstem Bayrisch geschuldet.
ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND
Komödie, FSK 6, Deutschland 2010
Regie: Yasemin Samdereli
Buch: Nesrin Samdereli, Yasemin Samdereli
mit Vedat Erincin, Fahri Yardim, Lilay Huser, Demet Gül, Rafael Koussouris, Aylin Tezel, Denis Moschitto, Petra Schmidt-Schaller u.v.m.
97 Minuten
Kinostart (Deutschland): 10.03.2011






June 26th, 2011 on 11:34
Toll, das ist endlich mal ein gut geschriebener Beitrag, vielen Dank. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Generell finde ich den Blog leicht zugaenglich.
June 29th, 2011 on 07:48
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung.