DREI

by on Jan.17, 2011, under 5 Minuten nach dem Film

Tom Tykwers DREI ist eine Versuchsanordnung, ist ein Spiel und dazu noch ein toller Film.

Hanna (die hinreißende Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) sind ein gut situiertes, kulturell interessiertes Paar mittleren Alters, irgendwie glücklich miteinander und doch ein bisschen auf der Suche. Durch das plötzliche Ableben seiner Mutter und seine eigene Hodenkrebserkrankung sicherlich unterbewusst auf die Endlichkeit des Lebens und das Schwinden der Möglichkeiten eingestimmt, nimmt Simon eine Möglichkeit  wahr. Er lässt sich von einem Fremden auf dem Badeschiff einen runterholen.

Mit diesem Fremden namens Adam (Devid Striesow, der mit dem liebsten aller Lächeln) probiert auch Hanna etwas, nämlich eine heiße Nacht, zum selben Zeitpunkt, als Simon in einer Notoperation ein Hoden entfernt wird. Die anwesende Krankenschwester kommt ihm bekannt vor und enthüllt auf Nachfrage, dass Simon Hanna vor fast 20 Jahren mit ihr betrogen hat, dass sie schwanger wurde und dass sie dieses Kind abgetrieben hat. Möglichkeit Kind verpasst. Aber mit Hanna, Simon und Adam geht es weiter. Einmal reicht den dreien nicht, sie verlieben sich ineinander, Hanna wird schwanger, der Doppelsimultanbetrug fliegt auf.

Das klingt alles unglaubwürdig, ist es auch – da ja Konstrukt, aber das macht gar nichts. Denn es ermöglicht dem Zuschauer, darüber nachzudenken, wie das ist mit den Möglichkeiten. Entsprechen lebenslange monogame Beziehungen der artgerechten Lebensführung? Können zwei Menschen einander lieben und noch einen dritten dazu? Ist ein Mann, der mit einem anderen Mann Sex hat,  von nun an schwul und nicht mehr hetero oder für immer bi?

Adam, der Genforscher (!) rät Simon, sich von seinem deterministischen Biologieverständnis zu verabschieden, und genau dazu fordert Tykwer den Zuschauer mit seinem filmischen Blick ins Reagenzglas, in dem sich das Trio tummelt, ebenfalls auf. Ich plädiere für eine Fortsetzung, denn ich möchte zu gerne wissen, wie sich die Liebe zu fünft weiterentwickeln könnte.

Die stilistischen Spielereien (die Hoden-OP als Film im Film, die Sterbeszene als Scherenschnitt, Simons Mutter als  Engel, das Leben der beiden Protagonisten erzählt von ihnen selbst anhand von zwei sich nähernden, sich kreuzenden und sich entfernenden Kabeln) passen, sind oft genial und machen Spaß. Tykwers großer Verdienst ist aber, und das machen auch die großartigen Schauspieler möglich, dass der Film nicht leblos in der Theorie verweilt, sondern die Zuschauer in ein echtes Stück Leben mitreißt. Mal zum Lachen, mal zum Weinen eben.

Website: http://www.drei.x-verleih.de
Seit 23. Dezember 2010


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