Schläfer – Benjamin Heisenberg
by su on Jan.31, 2006, under 5 Minuten nach dem Film, Interviews
Benjamin Heisenberg (Regie & Drehbuch) gewann vor zwei Tagen beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2006 Hauptpreis, Drehbuchpreis und den Preis für die beste Filmmusik.
Das Mail-Interview entstand Anfang Januar 2006.
? Wie kommt es, dass Du dich gerade in den USA aufhältst? Hängt das mit dem Filmemachen zusammen? Wie genau?
Benjamin Heisenberg: Mein Aufenthalt hängt mit meinem Film zusammen. Ich besuche gerade noch gute Freunde tief in den Wäldern Oregons, bin aber zwischen dem 12. und 17.1. beim Berlin & Beyond Festival des Goethe Instituts in San Francisco. Dort wird “Schläfer” gezeigt und ich nehme an einem Panel über Widerstand und Überwachung teil.
? Hitchcock meinte zu Truffaut einmal im Interview “Das Publikum interessiert sich im Kino nicht für Politik”. Hat sich das geändert?
Benjamin Heisenberg: Ich glaube dieser Satz bezieht sich eher auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen emotionalen und faktischen Inhalten. Aber ich denke das Interesse an politischen Zusammenhängen hat sich seit dem 11. September sicher sehr gesteigert, unter anderem weil in dieser Zeit nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich vieles unsicherer und härter geworden ist. Die Menschen machen sich mehr darüber Gedanken wie politische Entscheidungen ihr Leben beeinflussen und das spiegelt sich in den Filmen wieder. Über die heutige Situation hinaus halte ich politische Themen im Kino für genauso spannend wie andere und Hitchcock hat dafür die besten Beispiele geliefert.
? Inwiefern ist es möglich fiktional mit der Realität umzugehen?
Benjamin Heisenberg: Wenn man von “fiktionalen Filmen” spricht, ist das eine relativ zweifelhafte Formulierung, weil alle Filme auf die eine oder andere Weise fiktional sind. Filme bearbeiten und verformen die Realität immer, weil sie eine Abbildung sind. Im Film spitzen wir Geschichten, Charaktere und Settings zu und komprimieren sie. Trotzdem können wir bestimmten Prinzipien unseres Lebens in der Art wie wir erzählen Rechnung tragen. Zum Beispiel wirkt sich das auf die Kamera aus, d.h. unter anderem wie nah die Blickwinkel eines Objektivs an dem des menschlichen Sichtfeld menschlicher Wahrnehmung sind. Es hat aber auch mit der Logik der Geschichte zu tun, die in realistischeren Konzepten (in meinen Augen) dahin geht nicht alle Erzählstränge sklavisch zu schliessen, sondern, wie es im täglichen Leben ständig passiert, offene Enden und Zufälle zuzulassen. Außerdem kann man in den Sets versuchen Räume und Bilder so zu gestalten, daß sie nicht um der Ästhetik willen wichtige Charakteristika des realen Lebens opfern.
? Die Perspektiven der einzelnen Personen und wie daraus die filmische Spannung kreiert wird, fand ich besonders faszinierend bei Deinem Film. Woher kommt das Thema – ausgeklügeltes System, Zufall oder eine wahre Geschichte?
Benjamin Heisenberg: Viele Geschichten des Films habe ich selbst erlebt. Zum Beispiel hat Johannes’ Leben bei seiner Grossmutter relativ viel von meiner Beziehung zu meiner Grossmutter, die letztes Jahr gestorben ist. Und das “A bissl was geht immer” aus dem Monaco Franze habe ich, wie im Film immer zitiert, wenn sie vor Erschöpfung nicht mehr weiter konnte. Natürlich sind auch einige der beklemmenderen Szenen des Films von Erlebnissen inspiriert. Zum Beispiel die Szene als Farid mit Beate aus dem Taxi steigt und Johannes zurücklässt habe ich fast genauso erlebt, nur das ich in der Rolle von Farid war.
Generell ist das Thema eine Mischung aus vielen Aspekten, Themen und Geschichten, die mich interessiert haben. Nach dem 11.September wurden in Deutschland die Gesetze zur Inneren Sicherheit verabschiedet über die ich mich sehr geärgert habe, weil sie offensichtlich nicht die Problem lösten, die bestanden, sondern reiner Aktionismus waren. Ich habe mich gewundert, wie reibungslos sie verabschiedet wurden und wie klaglos die Deutschen Einschränkungen der persönlichen Freiheit hinnahmen, die noch 20 Jahre vorher zu grossem Aufruhr geführt hätten. Ich hatte plötzlich den Eindruck als würde das Mißtrauen, unabhängig in welchem Staatssystem, selbst in liberal und modern erzogenen Bürgern einen Angstreflex auslösen, der zu Verleumnung und Verrat führen könnte, wenn die Freiheit einer Gesellschaft plötzlich nicht mehr als schützenswertes Gut, sondern als Gefahr erschiene.
Gleichzeitig interessierte mich die Ebene der Wissenschaft als ein Feld, wo Menschen mit hohem Engagement an grundsätzlichen Fragen arbeiten und z.B. bei Tierversuchen jeden Tag über Leben und Tod entscheiden. Mir schien das ein passendes Pendant zur Bespitzelungsgeschichte zu sein, weil ich den Eindruck hatte man müsse in beiden Fällen einen moralischen Teil von sich abstellen, um sich nicht ständig die Frage der Legitimation zu stellen. Ausserdem paßten die Psychologien meiner Charaktere gut in diese Welt und ich mochte die Art, wie grundsätzlich und systematisch Wissenschaftler ihre Fragen im Beruf stellen müssen auch weil das oft von der Art abweicht, wie emotionale Fragen behandelt werden.
Natürlich komme ich auch aus einer Familie von Wissenschaftlern, so daß ich diese Welt und ihre Protagonisten schon gut kannte und mich beim schreiben leichter darin bewegen konnte.
? Die Atmosphäre in “Schläfer” ist beklemmend, die Kamera sitzt drauf auf den tollen Akteuren und der Schnitt spielt sehr gelungenen mit Auslassungen. Was ist Dir persönlich wichtig beim Filmemachen?
Benjamin Heisenberg: Ganz allgemein interessiere ich mich für die Feinmechanik menschlicher Beziehungen. Dazu gehört die Art wie wir aufeinander schauen, wie wir einander Beeinflussen, bewußt und unbewußt und die Statusspiele, die ständig in Gruppen gespielt werden.
Die Weise, wie sich die Kamera in Schläfer verhält hat auch damit zu tun, daß sich die Beobachterpostition, die in der Geschichte thematisiert wird auch im Blick des Zuschauers fortsetzt. Der Zuschauer kommt durch den langsamen Schnitt und die Perspektiven des Blicks in die Position des Beurteilenden und wird durch den Film in ein Verhältnis zu den Figuren gesetzt, ohne daß der Film davor eine starke Wertung vornimmt. Ein Teil der Beklemmung des Films entsteht in meinen Augen darin, daß sich der Betrachter in einer unangenehm offenen Situation des Bewertenden befindet und mitempfindet, wie die Figuren ständig in Frage gestellt werden.
? “Schläfer” lief letztes Jahr in Cannes. Weshalb kam er so gut an?
Benjamin Heisenberg: Ich hoffe natürlich, weil er die Leute die ihn bisher gesehen haben bewegt hat und in Ihnen etwas ausgelöst hat. Zwei grosse Tests kommen noch, nämlich der Kinostart und die Ausstrahlung im Fernsehen. Danach wird man sehen, wie er sich mit den kleinen Werbebudget und dem – wahrscheinlich – eher minderwertigen Sendeplatz, spät Nachts behauptet hat.
Bisher kann ich vor allem sagen was in den verschiedenen Kritiken geschrieben wurde und wie Leute über den Film gesprochen haben. Das entspricht sehr dem was ich immer wieder gehört habe, wenn der Film gelobt wurde. In vielen Texten haben die Autoren die “Präzision” gemocht und den Film als “Thriller mit Sinn für feine Unterschiede und genaue Beobachtung” beschrieben. Die “leisen Töne” haben den Leuten gefallen, auch weil sie verbunden waren mit grossen und sehr dramatischen Zusammenhängen, die das Drama ständig am laufen halten. Die New York Times schrieb, daß “man an diesem Film sieht, daß politische Filme nicht unbedingt dogmatisch oder sensationsheischend sein müssen und dennoch genau und intensiv sein können.”
Der Film ist relativ klassisch erzählt und verhandelt und verbindet verschiedenste sehr aktuelle Themen unserer Gesellschaft. Er interessiert sich wirklich für seine Charaktere und versucht auch eine deutsche Identität realistisch zu beschreiben. Ich glaube all das gibt es im deutschen Film erst seit kurzem wieder und vielleicht hat das dazu geführt, daß der Film relativ viel Aufmerksamkeit bekam.
? Auch der 2003 entstandenen Film “Milchwald” unter der Regie von Christoph Hochhäusler feierte in Frankreich Erfolge – er kam dort sogar ins Kino. Du hast das Buch zu diesem Film mitgeschrieben. Was mögen die Franzosen, womit wir Deutsche nicht umgehen möchten? Oder umgekehrt?
Benjamin Heisenberg: Ich denke in Frankreich gibt es durch die lange und ungebrochene Geschichte des Kinos ein viel weiter entwickeltes Verständnis für neue Formen und andere Weisen mit Erzählung, Bild und Ton umzugehen. Insofern begrüßt und feiert die französische Presse und die Filmbranche ungewöhnliche Ansätze wie Milchwald. Wir sind in Deutschland stark vom amerikanischen Kino beeinflusst und haben den Film bisher nicht, wie Theater oder bildende Kunst als Hochkultur behandelt. Deshalb werden Filme, die zum Beispiel klassischen Emotionalisierungskonzepten nicht folgen immer als erstes als Angriff auf den Zuschauer gesehen, obwohl sie, im Gegenteil, ihm ein neues Erlebnis verschaffen.
? Wie fühlt man sich, wenn man (zusammen mit Christoph Hochhäusler) als Vorreiter des neuen deutschen Kinos gehandelt wird?
Benjamin Heisenberg: Erstmal macht es Spaß mit den Filmen anzukommen und gesehen zu werden. Gleichzeitig sind wir nicht alleine, sondern Teil einer neuen Generation von Filmemachern in Deutschland, deren Arbeit seit einigen Jahren sichtbar ist. Wir freuen uns in diesem Umfeld zu arbeiten, weil sich etwas bewegt und zum ersten Mal seit ich denken kann eine wirkliche Aufbruchstimmung im deutschen Film herrscht. Kein hohles Herumgetöne “wir sind wieder wer”, sondern wirkliches Leben, Zusammenarbeit, Gedankenaustausch und Know How. Leider merken wir auch, daß allgemein noch ein weiter Weg zu gehen ist, bis das Publikum Film als Kunstform akzeptiert und in diesem Sinne die ganze Bandbreite filmischen Ausdrucks vom Experimentalfilm, bis hin zum Blockbuster wahrnimmt. Aber ich freue mich, weil ich den Eindruck habe, der deutsche Film befindet sich auf der Schwelle zu einer neuen Blütezeit und wir können daran teilnehmen.
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February 2nd, 2011 on 21:25
Krass! Diese Story hätte ich garnicht geglaubt
June 16th, 2011 on 17:26
It’s highly helpful for me. Big thumbs up for this blog post!